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Hans-Christian Davidsen

Kindersicht auf die Nachkriegszeit

74-jährige Flensburger Autorin veröffentlicht Friedrichstadt-Roman, mit dem sie den Kindern eine Stimme geben will.
74-jährige Flensburger Autorin veröffentlicht Friedrichstadt-Roman, mit dem sie den Kindern eine Stimme geben will.

Flensburg/Friedrichstadt. 2020 feiern wir fünfundsiebzig Jahre Kriegsende. Die Flensburger Autorin Helga Gutowski (74) schreibt in ihrem neuen Roman »Das Kind zwischen den Häusern« von der Nachkriegszeit, die sie zum Teil als Kleinkind in Friedrichstadt erlebt hat.

Die Besonderheit: Sie schreibt aus dem Blickwinkel eines Kindes, indem sie sich erinnernd in verschiedene Situationen von damals hineinbegibt.

Das Kind, um das es geht, bleibt in ihrem Roman konsequent ohne Namen. Es ist das Kind, »weil Kinder in der Nachkriegszeit kaum als Individuen wahrgenommen wurden«, erklärt Helga Gutowski. Zugleich schafft die Autorin damit eine Distanz. Diese Distanz ermöglicht es ihr, Das Kind als ein literarisches Kind neu zu erschaffen.

Das Kind gibt aus seiner subjektiven Sicht Einblicke in den Nachkriegs-Alltag. Dennoch taugen sie auch als Zeitdokument.

»Der Umgang in Schule, im Elternhaus, im Kindergarten und auf der Straße, auch die Rollenzuschreibungen als Mädchen oder Junge, galten jedoch so ähnlich für viele Kinder dieser Zeit. Der Alltag von Nachkriegskindern ist das Ergebnis ihrer von den Erwachsenen herbeigeführten Lage und damit politisch«, so Helga Gutowski.

Aber im Baugebiet der Dänen spielen sie Kämpfen… sie müssen kämpfen, weil die DänenKinder keine DeutschKinder sind.

Die dänische Minderheit

In Friedrichstadt spielt dabei immer auch das Leben mit der dänischen Minderheit eine Rolle. In dem Roman wird dies unter anderem in den Spielen der Kinder deutlich. »Aber im Baugebiet der Dänen spielen sie Kämpfen. […] sie müssen kämpfen, weil die Dänen-Kinder keine Deutsch-Kinder sind«, heißt es zu Beginn des Romans.

Erinnerungsromane aus Erwachsenensicht gebe es bereits viele. Mit ihrem Roman habe sie den Kindern eine Stimme geben wollen – als wichtige Zeitzeug*innen.

Keine Trauma-Schublade

»Kinder nehmen die Nachkriegszeit anders wahr, weil sie im Jetzt leben, weil für sie ganz andere Dinge bedeutsam sind als für die Erwachsenen. Und auch jenen Fachleuten mit Diagnoseblick, bei denen die Nachkriegsgeneration pauschal in der Trauma-Schublade landet, möchte ich nicht das Feld überlassen«, erklärt die Autorin.

Während die Erwachsenen in der Kneipe, in den Läden von Friedrichstadt oder beim Friseur über »Krieg« reden, nimmt Das Kind ihn wahr als Ungeheuer in den Wolkenbildern über dem Deich oder spürt ihn im nächtlichen Gebrüll des Vaters.

Seine Eltern sind mit sich selbst beschäftigt und damit, eine Bekleidungsfirma aufzubauen. Sie finden weder Zeit noch eine Struktur für ihre vier Kinder. Da macht sich das Kind auf den Weg und findet in der Meierei nebenan ein Mädchen, das alles hat, was das Kind gut gebrauchen kann. Es ergreift seine Chance.

»Das Kind zwischen den Häusern« ist das vierte Werk der Autorin. Zuvor sind von ihr erschienen: »Vorher war sie einfach Marta« (ihleo verlag, 2009), »Sander Sommer« (nominiert für den Oldenburger Jugendbuchpreis, Rowohlt 2013) sowie »Graukatze« (Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2015).

Helga Gutowski: Das Kind zwischen den Häusern. Ihleo. Husum 2020. ISBN: 978-3966660198, Preis: 16,95 Euro.

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