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Deutsche Presse-Agentur GmbH

Alternativlos – Syltpendler und die Bahn

Jeden Morgen fahren Tausende Pendler mit dem Zug zur Arbeit nach Sylt. Oft gibt es trotz diverser Maßnahmen aber Probleme auf der Marschbahnstrecke.
Jeden Morgen fahren Tausende Pendler mit dem Zug zur Arbeit nach Sylt. Oft gibt es trotz diverser Maßnahmen aber Probleme auf der Marschbahnstrecke.

6.00 Uhr am Bahnhof in Niebüll. Es nieselt, bis es hell wird, wird noch einige Zeit vergehen. Und dennoch, draußen vor dem Bahnhof stehen bereits Dutzende Menschen. Sie alle warten auf den Schienenersatzverkehr, der sie an diesem trüben Morgen bis nach Klanxbüll bringen soll. Von da geht es weiter mit dem Zug nach Sylt. Den ganzen November lang konnten zwischen Niebüll und Klanxbüll jeweils von Montagabend bis Freitagmorgen wegen Gleisbauarbeiten auf der Strecke keine Züge fahren. Auch Anfang Dezember wird es nach Bahnangaben noch Einschränkungen auf der Strecke geben.

Rund 30 bis 40 Minuten dauert die Fahrt zwischen Niebüll und Westerland für die Pendler während der Bauzeit länger, wie Achim Bonnichsen von der Pendlerinitiative sagt. Bonnichsen hat einen Fliesenlegerbetrieb in Tinnum auf Sylt. Auch er steht am Niebüller Bahnhof, muss auf die Insel. Für Handwerker wie ihn ist im November Hochsaison. Es sind weniger Urlauber auf Sylt und damit Zeit, Ferienhäuser und Hotels zu renovieren.

Insgesamt wurden in den vier Wochen im November nach Angaben der Deutschen Bahn rund 3000 Meter Gleise im eingleisigen Abschnitt zwischen Lehnshallig und Klanxbüll saniert. Vier Mal gab es die 80-stündigen Streckensperrungen von Montagabend bis Freitagfrüh. Wer mit dem Auto während der Sperrzeiten auf die Insel wollte, musste mit der Fähre von Havneby auf Sylts dänischer Nachbarinsel Röm fahren.

Die Busse des Schienenersatzverkehrs sind voll. Viele müssen stehen. Auch der Parkplatz am Bahnhof in Klanxbüll ist gut belegt. Am schmalen Bahnsteig stehen viele Menschen, sie warten auf den Zug. Bonnichsen weist auf einen Monitor mit der Anzeige »Bitte Ansage beachten«. »Dabei gibt es hier nicht mal einen Lautsprecher«, sagt er.

Der Zug nach Westerland fährt ein. Es ist ein langer Zug diesmal, mit zwölf Waggons. Manchmal wird aber auch kurzfristig ein kurzer Wagenpark eingesetzt. Manchmal können deswegen nicht alle Pendler einsteigen. Sie kommen dann zu spät zur Arbeit oder später nach Hause, können ihre Kinder nicht rechtzeitig von der Kita abholen. Müssen umorganisieren. Vielen wird das zu viel, der psychische Druck, die vertane Lebenszeit im Zug. Sie wechseln auf einen Arbeitsplatz auf dem Festland. Davon berichten Pendler immer wieder.

Während der Bauzeit im November haben viele Geschäfte in der Innenstadt ihre Öffnungszeiten geändert und an den Baustellenfahrplan angepasst, um den Mitarbeitern entgegenzukommen. An vielen Geschäften in Westerlands Fußgängerzone hängen Zettel, die auf die verkürzten Öffnungszeiten wegen eingeschränkter Bahnverbindungen hinweisen.

Die Bauarbeiten auf der Marschbahn kommen voran. Bis Ende November wurden die Gleise im eingleisigen Abschnitt zwischen Lehnshallig und Klanxbüll auf dem Festland saniert, wie die Deutsche Bahn mitteilte. Foto: Markus Scholz, dpa

Die Bauarbeiten auf der Marschbahn kommen voran. Bis Ende November wurden die Gleise im eingleisigen Abschnitt zwischen Lehnshallig und Klanxbüll auf dem Festland saniert, wie die Deutsche Bahn mitteilte. Foto: Markus Scholz, dpa

Investitionsprogramm

Die Deutsche Bahn hat ein Millionenschweres Investitionsprogramm aufgelegt. Bis 2022 sollen zwischen Hamburg-Altona und Sylt unter anderem insgesamt rund 200 Kilometer Gleise und mehr als 30 Weichen erneuert werden.

Die Pendler freuen sich über die Investitionen. Aber Bonnichsen fragt sich auch, was moderne Schienenanlagen nützten, wenn eingesetzte Züge nicht ordentlich funktionierten? Er und andere Pendler verweisen immer wieder und seit Jahren auf defekte Toiletten und Türen, ausgefallene Klimaanlagen und andere Dinge, die oftmals auch zu Zugausfällen oder Verspätungen führen.

Seit mehreren Jahren gibt es immer wieder Probleme auf der Marschbahn zwischen Hamburg und Sylt. Im Gegensatz zu den Pendlern weiter im Süden, die bei Störungen auf andere Verkehrsmittel umsteigen können, sind die vielen Tausend Syltpendler auf den Zug angewiesen. Mit dem Auto, Fahrrad oder zu Fuß kommt man nicht über den Hindenburgdamm.

Der zweigleisige Ausbau auf der gesamten Strecke zwischen Niebüll und Westerland soll Entlastung bringen. Im Bundesverkehrswegeplan ist er mittlerweile in die Topkategorie mit gesicherter Finanzierung aufgenommen worden. Allerdings kommt er, wie es derzeit aussieht, nicht so schnell wie erhofft. Denn aus einem Gesetzentwurf des Bundeskabinetts zur Beschleunigung wichtiger Infrastrukturprojekte ist er auf Betreiben des Bundesumweltministeriums und zum Entsetzen in Schleswig-Holstein wieder rausgeflogen.

Der klima- und verkehrspolitische Nutzen solcher Projekte müsse sehr hoch sein, um das Konzept der Legalplanung zu rechtfertigen, hieß es aus dem Haus von Umweltministerin Svenja Schulze (SPD). Dieser ist den Angaben zufolge aber nach fachlicher Prüfung »mit den übrigen in dem Gesetzentwurf enthaltenen Schienenverkehrsprojekten nicht vergleichbar«.

Bonnichsen sagt, »vielleicht weiß Schulze gar nicht um die Probleme hier«. Er habe das mittlerweile schon oft erlebt, dass viele gar nicht um die Bedeutung der Bahnverbindung für die Region, die Menschen hier oben wüssten. Der Pendlerzug fährt derweil über den Hindenburgdamm.

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