Zwischen Enttäuschung, Frust und Stolz

Schweden mit seinem Duo von der SG Flensburg-Handewit, Jim Gottfridsson und Hampus Wanne, musste sich mit WM-Silber begnügen. Zeit, das Erlebte zu verarbeiten, gibt es nicht. 

Jim Gottfridsson und Hampus Wanne waren über die Finalniederlage schwer enttäuscht. Foto:
Jim Gottfridsson und Hampus Wanne waren über die Finalniederlage schwer enttäuscht. Foto: Jonas Ekströmer, TT/Scanpix

Flensburg. Während im fünften Stock des Mannschaftshotels in Kairo die Bässe wummerten und zum x-ten Mal »Vi er røde, vi er hvide« angestimmt wurde, war es hoch oben über den Wolken im Flugzeug, das die schwedische Nationalmannschaft aus Ägypten nach Frankfurt brachte, ganz still. Wer aus dem Team von Coach Glenn Solberg schlafen konnte, machte die Augen zu. Einige Spieler vergruben sich unter Decken, andere setzten Kopfhörer auf - Jim Gottfridsson und Co. wollten nichts hören und sehen. Tief saß die Enttäuschung über die 24:26-Final-Niederlage gegen die Dänen.

»Ich kenne mich zwar noch nicht aus mit Feiern unter Corona-Bedingungen, aber wir werden es im Hotel schon irgendwie hinbekommen«, hatte Lasse Svan vor dem Abschlussabend der Dänen freudetrunken verkündet. »Wir lassen es richtig krachen«, meinte Mikkel Hansen, der genau wie 2019 auch diesmal, beim zweiten dänischen WM-Triumph in Folge, zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde.

Auch die Schweden hätten gerne Gold gefeiert. Und wenn ihnen dies schon verwehrt blieb, so hätten sie doch wenigstens die Silbermedaille ein wenig genossen. Doch im Gegensatz zum Hinflug, als sie gemeinsam mit Dänemark in einer Chartermaschine anreisten, ging es für die Schweden diesmal allein zurück. Und zwar sofort. Während die Dänen erst am Montag den Heimflug antraten, hieß es für Schweden nach dem Finale: schnell ins Hotel, Taschen holen und Abflug.

“Gerade jetzt hätte ich mir gewünscht, dass wir uns als Team einfach zusammensetzen können und darüber reden, was wir erlebt haben”, sagte Jim Gottfridsson, der auf der digitalen Presserunde nach der Siegerehrung immer noch Tränen in den Augen hatte. Seine Stimme war belegt und er war schwer enttäuscht. “Wir kämpfen 30 Tage lang zusammen und dann dauert es nur ein paar Stunden, bis wir in alle Winde verweht sind. Es fühlt sich nicht gut an nach so langer Zeit.”

Es ist das alte und ewige Problem des Handballsports: der völlig überfüllte Terminkalender. Stand in den letzten Jahren immer eine Woche nach einer Endrunde das Allstar-Spiel in der Bundesliga an, geht es für Gottfridsson und Hampus Wanne mit der SG Flensburg-Handewitt diesmal sofort in der Champions League weiter. Am Donnerstag, vier Tage nach dem WM-Finale in Ägypten, steht in Brest in Weißrussland das nächste Spiel an. Zwar hat das Schweden-Duo wie alle anderen Flensburger WM-Fahrer bis Mittwoch frei bekommen. Aber eine Trainingseinheit vor einer Partie in der Königsklasse und nicht mal ein gemeinsamer Abend nach WM-Silber - das stimmt die Schweden nachdenklich.

“Es ist schrecklich”, meinte Wanne. “Nach so einem Elebnis sollte es ein bisschen Platz im Kalender geben. Es ist extrem schwer für den Körper und den Kopf, das alles zu verarbeiten. Aber man kann nichts machen. Es ist unser Job und wir dürfen nicht vergessen, dass es uns während der Pandemie gut geht. Aber gesund ist es nicht und Spaß macht es so auch nicht.”

Unmittelbar nach dem Abpfiff sagte Gottfridsson: “Als Handballer will man immer gewinnen, daher wollten wir Gold gewinnen. Deshalb bin ich sehr enttäuscht und es fällt mir schwer zu sagen, ob ich mit etwas Abstand auch stolz sein kann.” Es dauerte nur einige Minuten und Sätze, bis er auch sagte: “Wer uns vor einigen Wochen gesagt hätte, dass wir trotz Corona-Ausfällen, Verletzungen und mit diesem jungen, neuformiertem Team Silber holen, dem hätte ich wohl nicht geglaubt. Sicherlich bin ich irgendwann stolz darauf, aber die Niederlage tut trotzdem weh. Dennoch ist es fantastisch, ein Teil von diesem Team zu sein. In unserer Kabine habe ich eben in viele leere Gesichter geblickt, dennoch hoffe ich, dass wir viele junge Leute für unseren tollen Sport gewinnen konnten und die Menschen in Schweden unsere Leistung anerkennen.”

Auch Wanne hofft, dass die Schweden mit ihrer Leistung viele Menschen “inspiriert” haben.   

1 feb 2021, 16:01
Ruwen Möller
rm@fla.de