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torsdag, 20.08. 2015 11:08, Ruwen Möller (rm@fla.de)

Jacob Hein hofft, schon bald wieder aktiv auf dem Feld zu stehen.

Jacob Hein hofft, schon bald wieder aktiv auf dem Feld zu stehen. (Foto: Archiv)

Jacob Heinls Hoffnung

Bereits seit Dezember fällt der Kreisläufer der SG Flensburg-Handewitt, Jacob Heinl, aus und wird es auch weiterhin tun. An ein Karriereende denkt er jedoch nicht. Ganz im Gegenteil: Das Comeback ist sein Ziel.

Handball im Norden

Flensburg. Der Bart ist voll und etwas länger geworden. Dazu trägt er die Haare mit einem modischen Undercut. Schultern und Brust sind von etlichen Krafteinheiten zusätzlich gestählt - Jacob Heinl sieht gut aus in diesen Tagen. Die Frage ist, geht es ihm tatsächlich gut oder trügt der Schein?

Heinl wirkt gefasst. Gleichzeitig aber auch angefasst. Der 28-Jährige kann durchaus über seinen langen Leidensweg sprechen, aber es fällt ihm verständlicherweise unglaublich schwer.

»Es ist ein ständiges Auf und Ab«, sagt Heinl und die Frustration darüber schwingt unüberhörbar mit.

Nach über einem halben Jahr ohne Handball wollte er zur Vorbereitung wieder bei der SG Flensburg-Handewitt einsteigen und im Idealfall zum Saisonstart fit sein. Der Kreisläufer nahm also Mitte Juli die Trainingsphase mit den Teamkollegen auf und das Vorhaben lief in den ersten Tagen nach Plan. Doch es folgte ein Rückschlag: die Rückenbeschwerden, die ihn seit Dezember außer Gefecht gesetzt haben, kehrten zurück. Den Liga-Auftakt wird der Model-Athlet definitiv verpassen.

»Ich werde noch auf unbestimmte Zeit ausfallen«, so Heinl. Der Grund: Eine Entzündung, die das so genannte Iliosakralgelenk zwischen dem Lendenwirbelsäulen- und Becken-Bereich befallen hat.

Ein Blick zurück: Die Pechsträhne des aktuell treuesten Bundesliga-Spielers überhaupt (Heinl ist seit 1994 bei der SG und nur Stuttgarts Alexander Heib ist genau so lange in seinem Verein) begann im vergangenen Herbst. Durch Top-Leistungen im ersten Saison-Drittel hatte sich Heinl wieder für die Nationalmannschaft empfohlen, musste in der EM-Qualifikation aber auf Grund einer Gehirnerschütterung passen. Zurück in Flensburg erkrankte er.

Im Krankenhaus

»Ich weiß noch, dass wir an einem Donnerstag in Alingsås Champions League gespielt haben«, erinnert sich Heinl. »Freitag hatten wir frei und als ich abends auf der Couch lag, kamen wie aus dem Nichts Rückenschmerzen. Ich dachte erst ich hätte einen Nerv eingeklemmt und konnte kaum gehen. Später bekam ich Schüttelfrost und konnte nur noch im Bett liegen.«

Heinl musste einige Tage ins Krankenhaus. Eine genaue Diagnose blieb aber zunächst aus. Kurz vor Weihnachten mischte er im Derby gegen Kiel mit und begab sich sogar mit auf die Auswärtsfahrt zum Spiel in Melsungen. Die Rückreise war eine Qual und zu der Zeit verbrachte der Flensburger vor Schmerzen viele schlaflose Nächte. Es folge die Erkenntnis, dass Heinl sich einen Coxsackie-Virus eingefangen hatte. Die WM im Januar in Katar musste er schweren Herzens absagen.

Im Frühjahr wurde er komplett aus dem Trainingsbetrieb der SG herausgenommen. Der Verein wollte ihm alle Zeit der Welt geben, damit er wieder richtig gesund werden konnte.

Heinl verschwand für einige Zeit aus dem hohen Norden, machte Reha und bekam den Kopf wieder etwas frei. »Es tat gut wegzukommen«, sagt er. Die Spiele seiner Mannschaft konnte er sich schwerlich anschauen und in der Halle war er ohnehin nur ungerne. Die vielen Fragen waren und sind nur schwer zu ertragen.

»Ich weiß, dass die Leute es nur gut meinen, aber spätestens wenn mich der Dritte nach meiner Gesundheit fragte, habe ich zu viel bekommen. Es ist schwer für mich, weil ich selber nicht genau weiß was los ist«, sagt Heinl und hofft, dass die Fans ihn verstehen.

Zu Beginn der Vorbereitung stieg Heinl wieder voll ins Training ein. An handballspezifische Übungen mit Kontakt und Sprüngen war zwar noch nicht zu denken, aber im Kraftraum und bei den Laufeinheiten mischte er wieder munter mit.

»Es ist verrückt, aber ich habe den besten Cooper-Test meines Lebens gemacht und bin 3000 Meter gelaufen«, so Heinl, der die erste Woche ohne Probleme überstand. »Ganz weg waren die Schmerzen nie, aber es ging gut«, so der Profi. Im Trainingslager in Schweden bekam er während des Beachhandball-Turniers eine Erholungspause, denn zu dem Zeitpunkt traten die Beschwerden wieder häufiger auf. »Es tat schneller weh, am nächsten Tag konnte ich aber wieder trainieren«, so Heinl, der da noch voller Hoffnung steckte. Die bekam in der dritten Vorbereitungswoche einen herben Dämpfer. Je mehr er belastete, umso heftiger wurde der Schmerz.

»Es ist nicht so schlimm wie im Dezember, aber auch nicht wirklich gut«, erklärt er und hält sich mittlerweile wieder an sein individuelles Trainingsprogramm, das aus viel Kraft- und Stabilisationsübungen besteht, um den Rücken möglichst zu entlasten.

Es sind genau diese Rückschläge, die an ihm nagen.

»Bei einer Verletzung wie z. B. einem Bruch gibt es einen Verlauf. Am Anfang ist man verletzt, dann wird es besser und schließlich arbeitet man auf seine Rückkehr hin, das motiviert. Aber bei mir gibt es keinen Verlauf«, sagt Heinl und wieder ist der Frust spürbar.

Die Warum-Frage

Frust vor allem darüber, dass ihm niemand so richtig weiterhelfen kann. Zwar ist Heinl in ärztlicher Behandlung, aber wirkliche Fortschritte bleiben bislang aus.

Fakt ist: Die Entzündung wird durch das falsch arbeitende Protein (Eiweiß) »HLA-B27 positiv« hervorgerufen. Die Träger dieses Antigens haben ein erhöhtes Risiko für gewisse Erkrankungen, z. B. Morbus Bechterew. Die chronisch entzündliche rheumatische Erkrankung mit Schmerzen und Versteifung von Gelenken ist bei Heinl allerdings nicht diagnostiziert worden. »Die Ärzte gehen davon aus, dass ich es nicht habe«, so Heinl, der aber weiß, dass es noch nicht zu 100 Prozent ausgeschlossen ist.

Warum ist die Entzündung bei Heinl ausgebrochen? Er weiß es nicht. Möglicherweise ist der Virus aus den Wintermonaten schuld, aber das sind Spekulationen, die ihn nur grübeln lassen.

Und das hilft nicht unbedingt weiter, denn genau wie die Schmerzen, kommen auch die Gedanken - was passiert wenn es irgendwann mit dem Handballspielen nicht mehr geht? - immer wieder.

»Natürlich kommen diese Gedanken. Ich würde lügen, wenn ich sage, dass es nicht so ist«, gibt Heinl offen und ehrlich zu. Er sagt aber auch: »Ich bin positiv und gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich irgendwann wieder spielen kann.«

Der Verein, sein Trainer, die Mitspieler, aber vor allem auch die Familie unterstützen ihn dabei wo es nur geht. Und Hoffnung gibt Heinl auch der Fall eines ehemaligen Mitspielers. Bei dem Dänen Lasse Boesen wurde vor über einem Jahr Morbus Bechterew diagnostiziert. Nach einigen Monaten kehrte er aufs Spielfeld zurück.

»Lasse hat mir gesagt, ich solle cool bleiben«, so Heinl, der versucht, genau das zu tun. »Es ist nicht einfach, aber bei mir ist es erst ein halbes Jahr her und so schnell gebe ich nicht auf.«

Er hält sich an Kleinigkeiten fest und freut sich, wenn er mal wieder mit dem Ball trainieren kann. »Das Fahrrad und den Stepper im Fitness-Studio kann ich langsam nicht mehr sehen«, gesteht er.

Heinl ist auch froh, wenn seine Mannschaft gewinnt und er traut der SG in dieser Saison einiges zu: »Die Spielzeit ist lang. Es kann viel passieren. Ob man Erfolg hat hängt allerdings von vielen Faktoren ab«.

Seine oberste Priorität ist aktuell ohnehin die eigene Gesundheit. Eine Prognose wie und wann es weitergeht kann weder Heinl noch sonst irgendjemand geben. Es ist ihm aber nur zu wünschen, dass er so schnell wie möglich wieder kerngesund wird.

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