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Die Diskussionsrunde

Die Diskussionsrunde "Internationaler Frühschoppen" mit dem Moderator Werner Höfer feierte seinen 20. Geburtstag am 2. Januar 1972 mit 20-jährigen angehenden Journalisten. Galant bedankte Höfer sich bei der Polin Paulina Dorota Fedak mit einem Handkuss für ihre Mitwirkung. (Foto: Roland Scheidemann/dpa)

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Die Mutter aller Talkshows

Fernsehen

Sechs oder sieben Männer sitzen an einem Tisch und tauschen sich rauchend und trinkend über die Weltlage aus. Dieses Konzept trug über 30 Jahre lang eine der erfolgreichsten Fernsehsendungen - den Internationalen Frühschoppen.

dpa (red@fla.de)

torsdag, 05. jan 2012

KÖLN. Vor 60 Jahren, am 6. Januar 1952, ging die Mutter aller deutschen Talkshows auf Sendung, der Internationale Frühschoppen. Hinweis für Spätgeborene: Das hatte nichts mit Früh-Shoppen zu tun, sondern bezog sich auf den damaligen Brauch, zwischen Kirchgang und Sonntagsbraten noch mal schnell einen trinken zu gehen. Der Frühschoppen war Männersache, Frauen traten vorzugsweise als Kellnerinnen auf. Man könnte also sagen, dass die deutsche Talkshow im Ursprung auf den Stammtisch in der Kneipe zurückgeht.

Geleitet wurde die gleichermaßen alkoholisierte wie verräucherte Runde von einem Herrn mit Vorderglatze und dickglasiger Hornbrille: Werner Höfer (1913-1997). Er moderierte die Sendung 35 Jahre (die ersten eineinhalb nur im Radio, dann auch im Fernsehen), und in dieser ganzen Zeit veränderte sich sein Aussehen kaum.

Nachdem der Frühschoppen 1953 ins Fernsehen gekommen war, lief er ein halbes Menschenleben lang nach dem gleichen Muster ab. Zu Beginn um Punkt Zwölf ertönte die sonore Stimme von Egon Hoegen - auch bekannt aus der Verkehrserziehungsserie »Der 7. Sinn« - und kündigte »sechs Journalisten aus fünf Ländern« an. Dann sah man diese Gäste auch schon in der minimalistischen Studiokulisse hinter Moselgläsern sitzen, und Werner Höfer leitete die Sendung beispielsweise mit folgendem Satz ein: »Die Wiedersehensfreude ist unter allen Weihnachtsfreuden der reinsten und der rarsten eine.« Es folgte die Vorstellung der Gäste, von denen die meisten dem Zuschauer bereits gut bekannt waren.

Bedürfnis nach Konstanten

Der immer gleiche Ablauf der Sendung kam dem Bedürfnis der Kriegsgeneration nach Konstanten entgegen. Als Höfer es sich 1954 einmal herausnahm, ein paar Wochen Urlaub zu machen, gingen beim WDR wäschekorbweise Protestbriefe ein. Danach ließ Höfer die Sendung nie mehr ausfallen. Er machte nur noch Urlaub auf Sylt und fuhr jedes Wochenende nach Köln und wieder zurück. Als er Sylt 1962 wegen einer Flutkatastrophe nicht verlassen konnte, leitete er den Frühschoppen telefonisch.

Manche Elemente heutiger Talkshows sind im Frühschoppen schon gut erkennbar. Es gab einen Moderator, es gab Gäste, und es gab ein Thema, möglichst aktuell. Sobald sich innerhalb der honorigen Runde aber eine auch nur halbwegs angeregte Diskussion zu entwickeln drohte, ging Höfer dazwischen und zwang alles in den Ritus des Reihum-Abfragens zurück. Es musste friedlich bleiben, schließlich war Sonntag.

Die Themen der Sendung kamen fast immer aus der hohen Politik, und zwar keineswegs nur aus der deutschen. Es war nicht ungewöhnlich, wenn sich die Herren eine geschlagene Stunde lang über französische Innenpolitik austauschten. Und dabei wurde einfach mal vorausgesetzt, dass der Zuschauer mit den grundlegenden Fakten vertraut war. Von wegen Einspielfilmchen und Erklärstücke! In Satzbau und Wortwahl erinnerte die Runde eher an eine Zusammenkunft von Oberstudienräten. Und auch das fällt auf im Rückblick: Selbst englische Korrespondenten sprachen damals fließend Deutsch.

Plötzliches Ende

Das Ende kam plötzlich. Im Dezember 1987 grub der »Spiegel« einen Hetzartikel Höfers aus der Nazizeit aus. Höfer wand sich, wiegelte ab und erging sich in Ausflüchten. Ehe er sich's versah, war er abserviert.

Zu den wenigen, die für ihn Partei ergriffen, gehörte der Publizist Sebastian Haffner (»Anmerkungen zu Hitler«), der in den 30er Jahren nach England geflohen war. Er sagte: »Wenn alle ehemaligen NSDAP-Mitglieder sich nach dem Kriege so engagiert für die Demokratie eingesetzt hätten wie Werner Höfer, dann brauchten wir uns um den Bestand der Demokratie keine Sorgen zu machen.«